Kurzprosa

 

 

Neptuns Reich

 … Trotz des Mondlichtes hatte Felix Schwierigkeiten klar zu sehen, alles war verschwommen. Sie waren mittlerweile ein gutes Stück vom Strand entfernt. „Im Dunkeln so weit rauszuschwimmen ist nicht ohne.“

Gabriel hatte die Riemen gelöst und sie ins Boot gelegt, auch er sah jetzt aufs Wasser, lauschte. „Sie sind gute Schwimmerinnen“, sagte er leise, „warum nicht. Vielleicht haben sie auch Luftmatratzen.“

Wieder die Stimmen von mehreren Frauen, ein wollüstiges Stöhnen, ganz nah.

„Das kam von hier“, flüsterte Felix und schaute angestrengt aufs Wasser. „Marie? Fee?“

Jetzt kam das Lachen aus verschiedenen Richtungen. Felix leuchtete mit der Taschenlampe ins Wasser und sah lange grüne Fäden aus dem Wasser aufwallen. „Algen“, sagte er und griff danach, „alles voller Algen.“ Sie fühlten sich weich und glitschig an. „Komisch, wie Gras oder … wie Haare. So welche habe ich hier noch nie gesehen.“

In: Strandkorbkrimis Band 3

Hrsg. Dietlind Kreber, 208 S., TB; 9,90 €. Windspiel-Verlag Scharbeutz, April 2014

ISBN 978-3-944399-15-7

 

 

 

So rot die Lippen

Die Eibe, immergrün, düster und sehr langsam wachsend. Und tödlich giftig.
Ein Baum, um den sich mystische Sagen ranken und der mit der anderen Welt in Verbindung steht.
Ebenso wie Isa Immergrün, das kleine dunkle Mädchen, das mit ihrer Schwester und ihrem Vater, dem alten Holzschnitzer, im fernen tiefen Wald lebt.

In: Giftmorde – 15 tödliche Anleitungen

Hrsg. Andreas M. Sturm, 260 S., TB; 12,00 €. fhl-Verlag, Leipzig, Dezember 2013

ISBN 978-3-9428290-8-3

Leserstimmen zu ”So rot die Lippen”

 

  

Gottes Ohr

… 0 Uhr 52. Kann nicht schlafen, die Hitze steht im Raum. Vorhergesagtes Gewitter ist knapp drei Kilometer weiter vorbeigezogen. Habe die Zeit zwischen Blitz und Donner gezählt, acht Sekunden. Diese mit der Schallgeschwindigkeit multipliziert, also dreihundertvierzig Meter pro Sekunde, macht zwei Komma sieben Kilometer. Der nächste Blitz war schon vier Kilometer entfernt. Du siehst, großer Baumeister des Weltenalls, ich bin in der Lage, dich zu berechnen. Oder bist du fürs Wetter gar nicht zuständig? Nun gut, ich füge mich deinem Willen und werde klaglos weiter schwitzen …

In: Wenn der Tod lachen könnte, missglückte Mordversuche

Hrsg. Sophie Sumburane, 240 S., TB; 12,00 €. fhl-Verlag, Leipzig, November 2013

ISBN 978-3-9428295-3-3

Leserstimmen zu “Gottes Ohr” 

 

 

Hannes und die dunkle Jahreszeit

… Hannes atmet einmal tief durch, ja, er ist nun fertig, die Weihnachtspost verschickt, alles ist da, wo es sein soll. Na ja, nicht ganz. Nein, eigentlich überhaupt nicht. Auch der heiße Saunadampf konnte sie nicht ausschwemmen, die Traurigkeit, die Bitterkeit, das bohrende Gefühl des Versagens. Da sorgen er und seine Postkollegen alljährlich dafür, dass die Geschenke pünktlich ankommen, dass nicht eines verloren geht, und was tun die Beschenkten? Schicken den ganzen Kram wieder zurück! Dieses undankbare Pack. Ja, so wahr er hier steht, im Wind auf der Promenade, einen Becher Glühwein intus, dass ihm die Nase glüht. Alles retour. Und mit welcher Begründung? Er hat sie mit eigenen Ohren gehört: „Och nö, ich wollte doch ein iPad und nicht so ein Billigding da.“ …

In: Kriminelle Weihnachten in der Lübecker Bucht

Hrsg. Angelika Waitschies, 240 S., TB; 12,90 €. Windspiel-Verlag Scharbeutz, September 2013

ISBN 987-3-39443990-4-1

 

 

Alles renkt sich wieder ein

Immer, wenn es tagelang regnete, starb jemand. Dieser komische Zusammenhang war Alma Mendelssohn irgendwann einmal aufgefallen, und als sie an diesem frühen Morgen die Augen aufschlug und den Regen auf den Balkon plätschern hörte, da wusste sie bereits, wen es dieses Mal treffen würde; Alma spielte eine Art Abtritts-Lotterie mit sich selbst, und bisher hatte sie immer gewonnen.

Das waren so ungefähr ihre Gedanken an diesem Morgen, einem ganz besonderen Morgen, denn heute war Alma Mendelssohns einhundertster Geburtstag. Aber das interessierte sie im Moment gar nicht, zuerst musste sie ihre Frage loswerden, die sie jeden Morgen stellte, wenn sie aus dem Schlaf erwachte, und die an ihn gerichtet war, den Einzigen, mit dem sie noch zu reden pflegte, und die in etwa so lautete: Lieber Gott, was zum Teufel habe ich getan, dass du mir ein so langes Leben bei guter Gesundheit aufgebürdet hast, wenn ich nicht in meinem eigenen Hause aufwachen darf? …

In: MUTTERS MORDKOMPOTT – kriminelles zwischen Pampers und Prosecco

Hrsg. Klaudia Jeske, Angelika Hauck, 256 S., TB; 9,95 €. Leda Verlag, März 2013

ISBN 987-3-8641201-8-3

 

 

Stimmung in Rot

Doch dann tauchte das Bild auf. ‚Nordmeer‘, das Seestück in Rot. Es war ein echter Opladen, daran bestand kein Zweifel, denn der Künstler hatte zum Abschluss rote Farbe auf das Bild geschleudert. Dieser spontane  Farbauftrag ist eines seiner Markenzeichen.

Hurra! Wir haben es immer gewusst. Er lebt und er malt!

Die Bombe platzte vor drei Monaten. Dann erschien das zweite Bild: ‚Stimmung‘. Eine graue Landschaft, die an Turner erinnerte, unfertig, skizzenhaft, doch bedeutend schwermütiger.  Kein Bild, das sich eine psychiatrische Klinik in den Flur hängen sollte …

Geschichten für die Ferien von Dora Heldt, Rafik Schami, Alex Capus, T.C. Boyle und vielen anderen mehr.

In: dtv-Urlaubslesebuch 2012

Hrsg. Karoline Adler, 288 S., TB; 6,95 €. Deutscher Taschenbuchverlag, 2012

ISBN: 978-3423213615

 

 

Wie ein Traum

… Ich lag kaum im Schlafsack, da verwirrten sich meine Gedanken bereits. Mein Gott, so müde war ich noch nie gewesen, wie betäubt, benebelt, und sofort griff ein Traum nach meinen Gedanken. Ich sah plötzlich jemanden aus dem Busch kommen, genau da, wo ich eben noch gestanden hatte. Es war aber nicht Jonas, nein, da waren Leute, zwei waren es, zwei junge Männer. Ich hatte sie schon einmal gesehen, im Ferienzentrum Weißenhäuser Strand, und da hatten sie sehr interessiert nach unseren Rädern geschaut. Der eine hatte den anderen mit dem Ellenbogen angestoßen und mit dem Kopf in unsere Richtung gezeigt. Warum waren die plötzlich hier? Einer der beiden hatte sich meinem Rad zugewandt und begann nun, daran herumzufummeln. Mein Rad war neu, ein Steppenwolf Trekkingrad, es hatte mich ein kleines Vermögen gekostet; in den Semesterferien hatte ich gejobbt, Freunde angepumpt, um mir diesen langersehnten Traum zu erfüllen …

In: MÖRDERISCHE OSTSEE, Band 2

Hrsg. Petra Tessendorf, 217 S., TB; 11,90 €. Windspiel-Verlag, Scharbeutz 2011

ISBN 987-3-9813966-4-5

  

 

Der Ruf der Wale

„Schweinswale!“ rief jemand.

Es dauerte nur Sekunden, da tauchten die Gesichter aller, die an Bord waren, über der Reling auf. Manche hatten die Kameras gezückt, andere suchten mit einem Fernglas das Meer ab. Auch Paulus und Martin waren ans Heck gelaufen, um nach diesen seltenen Meeressäugern Ausschau zu halten.

„Schweinswale schwimmen dicht unter der Wasseroberfläche und tauchen nur sehr selten auf“, hörte er plötzlich eine Stimme neben sich.

Woher der alte Mann mit dem Elbsegler auf dem Kopf und dem weißen Lincoln-Bart kam, der Paulus an Kapitän Ahab erinnerte, wusste er nicht. An Bord war er ihm bisher gar nicht aufgefallen. Er war deutlich älter als die anderen.

 „Haben Sie schon mal einen Schweinswal hier draußen gesehen?“, frage Paulus.

„Ich bitte Sie!“, stieß der Mann beinahe empört hervor. „Das ist ein höchst seltenes Ereignis!“

 … Als sie wieder an Deck waren, fuhr die ‚Elisabeth‘ gerade in den Hafen ein. Die Angler hatten die Ausrüstung und ihren Fang zusammengepackt und standen wartend an Deck. Paulus Salinger konnte den alten Mann nicht mehr finden, deshalb suchte er den Kapitän auf.

 „Haben Sie den alten Mann gesehen? Den mit dem weißen Bart und so eine Schifferkappe …“, er schnippte mit den Fingern, „Elbsegler, jetzt hab ich es wieder. Haben Sie ihn irgendwo gesehen?“

Der Kapitän schüttelte den Kopf. Er schaute ein wenig misstrauisch. „Vermissen Sie jemanden?“

„Ja, ich kann ihn nicht mehr finden.“ Er hob hilflos die Schultern. „Haben Sie eine Passagierliste?“

„Ja, natürlich.“

„Können Sie mir sagen, wie viele Gäste an Bord sind?“

„Achtzehn.“

„Ja, dann … Danke.“

Paulus Salinger zählte die Gäste durch. Dreimal. Immer wieder achtzehn …

In: MÖRDERISCHE OSTSEEGERICHTE

Hrsg. Dietlind Kreber, 223 S., TB; 11,90 €. Windspiel-Verlag, Scharbeutz 2010

ISBN 978-39813966-1-4

 

 

 
Wenn die Sonne stillsteht

… Der Pilot der Tauchgondel redete von Schwimmwesten, Brackwasser und Feuerquallen. Nur Wortfetzen kamen bei Johannes an. Die Sonne ließ das grün-gelbe Wasser leuchten wie Bernstein, den man in die Sonne hält. Johannes’ Blick folgte einer großen Ohrenqualle, die anmutig vorbeischwebte und mit ihren feinen Tentakeln kokettierte. Diesen Haaren aus Seide, die man berühren möchte, und die doch nichts als eine Waffe sind. Wie bei einer schönen Frau. Langsam entfernte sich die Meduse wieder und ihre Umrisse lösten sich im gleichförmigen Gemisch aus Licht und Sonne auf, und plötzlich, kurz bevor sie ganz verschwunden war, schien es, als griffe eine Hand nach ihr …

Geschichten für die Ferien von Kurt Tucholsky, Zoe Beck, T.C. Boyle,  Siegried Lenz und vielen anderen mehr.

In: dtv-Urlaubslesebuch 2011

Hrsg. Karoline Adler, 288 S., TB; 6,95 €. Deutscher Taschenbuchverlag, 2011

ISBN: 978-3423212984